Die Anfänge des Ordens der Ritter vom Heiligen Grab gehen auf die römische Kaiserzeit zurück:
Im Jahre 326 nach Christi Geburt ließ Kaiser Konstantin der Große über dem wiederentdeckten
Heiligen Grab einen Sakralbau errichten und stellte zu dessen ständigem Schutz eine besondere
militärische Truppe auf. Diese Wächter des Heiligen Grabes erfüllten eine doppelte Funktion:
Zum einen leisteten sie einen militärischen und polizeilichen Wach- und Schutzdienst. Zum
anderen hatte ihre Aufgabe aber auch darüberhinausgehenden, damals politisch bedeutenden
symbolischen Charakter: Der Kaiser verkörperte in seiner Person sowohl die oberste weltliche
als auch die oberste geistliche Macht auf Erden. Beide waren nach damaliger Vorstellung sogar
untrennbar miteinander verbunden; die Funktion des Kaisers bestand darin, die heilige überirdische
Ordnung in der zeitunterworfenen Welt des Wandels zu realisieren, sein weltliches Reich sollte
dieser Ordnung entsprechen, musste ihr entsprechen, um das Chaos feindlicher menschlicher wie
natürlicher Gewalten abzuwehren. Der Kaiser war oberster Herrscher, oberster militärischer
Befehlshaber, oberster Richter, vor allem aber, und nur das legitimierte diese Kulmination
weltlicher Gewalten in seinem Amt, war er Pontifex Maximus - "der große Brückenbauer" - zur
überirdischen Welt. Wie machtvoll diese Kulturidee gewesen ist, lässt sich ermessen, wenn man
bedenkt, dass noch im Mittelalter, also etwa tausend Jahre nach Kaiser Augustus, die deutschen
Kaiser nicht etwa ein deutsches Kaiserreich ausriefen, sondern ganz bewusst die Idee des Römischen
Reiches als des europäischen Reiches erneuerten, Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher
Nation wurden, nicht, um die politische Nachfolge der römischen Cäsaren der Mittelmeerwelt anzutreten,
sondern um vielmehr für jedermann erkennbar die Funktion des Pontifex Maximus wieder aufzunehmen.
Gottfried von Bouillon greift mit der Rückeroberung Jerusalems und des Heiligen Grabes im Jahr 1099 zum
ersten Mal diese pontifikale Idee wieder auf und begründet zum Schutz des für das Abendland vor allem auch
in seiner symbolischen Bedeutung wiedergewonnenen Heiligen Grabes den Orden der Ritter vom Heiligen Grab.
Als militärischer Verband entfaltete der Orden, im Unterschied zu den heute vielleicht bekannteren Ritterorden
der Templer, Malteser oder Deutschordensritter zwar keine historisch nennenswerte Wirkung und auch staatspolitisch
kommt ihm - anders als etwa dem Deutschen Orden für das spätere Königreich Preußen - keine Bedeutung zu; statt
dessen stand bei den Rittern vom Heiligen Grab seit je her das geistige und geistliche Ideal der christlichen
Ordensritterschaft im Vordergrund: Beschützer und Wächter des Heiligen Grabes in der Nachfolge Gottfrieds
von Bouillon zu sein.
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Unstreitig wirkte der Orden im Heiligen Land als Geleitschutz christlicher Pilger. Durch diplomatische Verhandlungen mit den Sarazenen gelang es ihm, in vielen Fällen gefangengenommene und verschleppte Europäer freizukaufen. Wohlhabende waren verpflichtet, dem Orden das Lösegeld zu erstatten, für Mittellose trat der Orden ein. Unterschiedliche Darstellungen finden sich in der geschichtswissenschaftlichen Literatur zum Teil hinsichtlich der Gründung vor allem aber hinsichtlich der historischen Weiterentwicklung. Diese unterschiedlichen Abwandlungen, typischer-weise nicht frei vom Einfluss der Nationalität des Verfassers, lassen in ihrer Gesamtheit folgenden Schluss zu: Der Orden der Ritter vom Heiligen Grab stand seines ideellen Hintergrunds willen im Abendland in hohem Ansehen. Vor allem nach dem territorialen Verlust des Heiligen Landes bildeten sich in den unterschiedlichen europäischen Nationen Gruppen von Rittern, die, von dem jeweiligen Herrscher mit besonderen Rechten ausgestattet, ihr Eigenleben entwickelten. Den Einfluss der Idee als solcher wie einzelner Grabesritter mag man daraus ersehen, dass das Ordenskreuz in eine Vielzahl europäischer Wappenschilde aufgenommen worden ist, so in dasjenige des Herzogtums von Athen und der Königreiche Neapel-Savoyen, Zypern, Spanien, Portugal und Brasilien.
Noch im Mittelalter spaltete sich der Orden in einen am Heiligen Stuhl orientierten weströmisch-lateinischen und einen an der pontifikalen Kaiseridee festhaltenden oströmisch-byzantinischen Zweig. Diese Spaltung besteht bis heute fort, wenngleich sich der historische Gegensatz zwischen Kaiser- und Papsttum längst überlebt hat. Der lateinische Zweig der Grabesritter ist eine Institution der römisch-katholischen Kirche, dem Papst unmittelbar unterstellt; seine Mitglieder sind ausschließlich römisch-katholischer Konfession. Der byzantinische Zweig der Grabesritter ist nach dem Untergang des oströmischen Reiches vom Kaiserhaus Habsburg fortgeführt worden und besteht heute als ökumenisch-christlicher Ritterorden ohne konfessionelle Bindung seiner Mitglieder fort.
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